Das Böse, Teil II: Wer – bitte – braucht „Albaöl“, ein Rapsöl mit Buttergeschmack aus Schweden?

Das Böse, Teil II: Wer – bitte – braucht „Albaöl“, ein Rapsöl mit Buttergeschmack aus Schweden?
Albaöl aus Schweden - wer braucht das?

Vor Kurzem habe ich nach längerer Zeit das „Frischeparadies“ in München besucht. Ob es die Facharbeiter in der Marketingabteilung so beabsichtigt haben, weiß ich nicht, aber die Bezeichnung dieser zum schweizer Coop-Konzern gehörenden, selbstidentifizierenden Feinköstlerei törnt ab. Namen wie „Frischeparadies“ kann ich nur kursiv aussprechen. Ich vermute, dass es jedem so geht, der nicht gerade das Sprachgefühl einer Dachplatte hat.


Sie lesen richtig: Rapsöl aus Schweden

Aber sei’s drum, ich war ja freiwillig dort. Nachdem ich 8 Pack Frischkäse für eine Gesamtersparnis von 2,40 € gehamstert habe (den Rest auf meiner Einkaufsliste hatte das selbsternannte Paradies nicht im Sortiment), schlendere ich noch etwas durch den Laden. Nichts macht mich an: weder die mit Rapsöl vollgesoffenen Matjes-Filets noch die Mandeln aus unserem Nachbarland Australien. Bald bleibt mein Blick an einem schier mannshohen Aufbau karotingelber Flaschen hängen. Ich trete vorsichtig näher: Unter der poetischen Bezeichnung „Albaöl“ bietet das Paradies Rapsöl aus Schweden an. Mit Buttergeschmack versetzt, Betakarotin gefärbt und einer Prise Emulgator abgerundet. Mmmmmh…


750 ml Rapsöl mit Butteraroma zum Preis von 750 g frischer Butter oder Zeit, den Arzt zu rufen

Der Preis entspricht mit 7,99 € pro 750 ml dem von 750 g Butter (3 Pack). „Wer ist so komplett verblödet und kauft gefärbtes Rapsöl mit Butteraroma zum gleichen Preis wie echte Butter?“, frage ich mich fassungslos. Nachdem ich meine Haltung wiedererlangt habe, springt mein Mybanto-Missionsmodus-Modul an. Schnell ist die Kamera gezückt, und der Corpus Delicti mit ein paar Aufnahmen dokumentiert: „Die Welt soll erfahren, was heutzutage im Paradies abgeht“, geht es mir durch den Kopf, „vielleich können wir ja zusammen etwas dagegen tun“.

Alba bedeutet Morgengrauen. „Der Name immerhin ist treffend gewählt“, denke ich mir noch, als ich mich aus dem Paradies fortmache. Er klingt wie der Titel aus einem Horrorheftchen: „Alba – das Grauen kam am Morgen“.

Albaöl mit Preisauszeichnung
Albaöl mit Preisauszeichnung

Der Kampf geht weiter

Nun, es war sowieso Zeit, der Rapsöl-Mafia eins auszuwischen. Nachdem ich schon Wikipedia gezeigt habe, wer der Herr im Hause ist, Facebook beim bayerischen Datenschutzbeauftragten in die Knie gezwungen habe und Amazon durch Mybanto international zum Umdenken gezwungen wurde, würde ich nun mit den Bastards vom Big-Agri-Business kurzen Prozess machen. Ein Artikel in Mybanto.de würde die Hintermänner der Rapsverschwörung weltweit Mores lehren.


Marketing und Züchtung machen aus Motorschmiere das Lieblingsöl der Kardiologen

Die Geschichte von Rapsöl ist schnell erzählt: Der amerikanische Arzt Dr. Mercola führt ausführlich auf, wie die Rapsbauern von Manitoba, Kanada, mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihr als Motoröl verwendetes Rapsöl nicht mehr losbekamen. Im Auftrag der Rapsbauern entwickelten die Zauberlehrlinge der Universität von Manitoba unter dem Kunstnamen Canola (Canada oil low acid) eine Sorte mit einem reduzierten Gehalt der in Raps im Übermaß enthaltenen, gesundheitsschädlichen Erucasäure. Was folgt, ist eine der größten Erfolgsgeschichten der Agrarindustrie.

Was die Informationslage betrifft: Der beste Artikel, den ich zu Canola bisher gefunden habe ist von Sally Fallon und Mary G. Enig. Unter dem Titel The Great Con-ola räumen die Autorinnen sehr detailliert und unaufgeregt  auf sowohl mit den Verschwörungstheorien der Anti-Rapsöl-Hysteriker als auch mit den Fehlinformationen und Verharmlosungen der Rapsölindustrie.

Wie immer lassen sich die steuerfinanzierten Regulierungsbehörden, deren Job es wäre, die Bürger zu schützen, schnell von der Logik der Großindustrie einnehmen: Alles was a) aus dem Labor der Nahrungsmittelindustrie kommnt; und b) nicht unmittelbar letal wirkt, ist erstmal ungefährlich. Dem Verzehr der ehemaligen Industrieschmiere durch Menschen steht nach der züchterischen Verharmlosung des Senfs durch die Universitätsknechte von Manitoba nichts mehr entgegen. Eine beispiellose Karriere beginnt: Ein paar Jahrzehnte später und unterstützt durch millionenschwere Marketingkampagnen, ist das ehemalige Motoröl nicht nur zum Verzehr freigegeben, sondern firmiert weltweit in Supermärkten und Bioläden als der Inbegriff des Gesunden. In Japan steht es an erster Stelle des Verbrauchs, die American Heart Associaten, AHA, das oberste Kardiologengremium, listet Rapsöl als das gesündeste Öl aller Öle auf. Monsanto& Co. designen genmanipulierte Sorten, die dem als Round Up bekannten Spritzgift aus eigenem Hause (Glyphosat) gewachsen sind.

Auch in Europa beleidigt das grelle Senfkraut seit vielen Jahren das Auge des Landschaftsbetrachters. Und wer hat nicht beim Spazierengehen oder Radeln unfreiwillig das abstoßend-süßliche Miasma in sich hineingesogen, das Rapsfelder im Frühsommer in weitem Umkreis verströmen und für mich immer einen leichten Unterton von Leichengeruch hat?


Ob Sie es wollen oder nicht: Rapsöl ist überall

Es ist heute schwer, Rapsöl zu entgehen. McDonalds verwendet es in seinen weltweit eingesetzten Mischungen, Fernsehköche wie Björn Freitag, dem ich sonst gerne zusehe, empfehlen es wegen seiner Geschmacksneutralität und angeblicher gesundheitsfördernder Eigenschaften. Glauben Sie nicht, Rapsöl durch Kaufverzicht vermeiden zu können. Restaurants und Imbissstuben weltweit verwenden das Ex-Motoröl, das gehärtet und mit dem einem entsprechend hohen Anteil an gesundheitsschädlichen Transfetten alles brät und frittiert, was bei „3“ nicht auf der Palme ist. Das fällt nur deswegen nicht auf, weil dem Öl der Senfpflanze das Senfaroma in einem komplizierten Raffinerieprozess entzogen wird.

Sie können sich ja einfach einmal unbeliebt machen, indem Sie sich beim nächsten Restaurantbesuch danach erkundigen, ob es Rapsöl verwendet.


Ist Rapsöl gesundheitsschädlich?

Ich habe die Überschrift bewusst in Frageform gesetzt. Zwar bin ich der Überzeugung, dass Rapsöl nicht direkt toxisch ist, aber wie die oben zitierten Fallon und Enig ausführen, trägt der medial-medizinische-industrielle Komplex zu falschen Essgewohnheiten bei, unterstützt ein im Kern verrottetes Wirtschafts- und industrielles Produktionssystem und richtet möglicherweise großen Schaden an der Volksgesundheit an, den wir aufgrund mangelnder Daten aber nicht abschätzen können. Aber wie bei allem, das einen nicht sofort unter die Erde bringt, gibt es Menschen, die darüber anders befinden.

Lange Zeit indifferent, gehöre ich inzwischen zu der Gruppe der bekennenden Rapsgegner. Dafür habe ich mehrere Gründe. Ob Sie diese nachvollziehen, bleibt Ihnen überlassen. Tatsächlich reicht mir schon der ekelerregende Gestank eines Rapsfeldes, um das Öl, das aus seinen Pflanzen extrahiert wird, ganz oben auf meiner  Blacklist landen zu lassen.

Es war für mich sehr interessant zu erfahren, dass auch meine 87-jährige Mutter Rapsöl nicht mag, dem sie, verleitet durch die Lobeshymnen in Print und Fernsehen, zunächst eine faire Chance gegeben hat. „Ich mag den Geschmack und Geruch nicht“, war ihr Verdikt. Vielleicht ist, anders als bei meiner hochbetagten Mutter, das Körperempfinden eines Großteils der Bevölkerung inzwischen so degeneriert, dass er nicht mehr unterscheiden kann, was ihm gut tut und was nicht. So wie es Menschen geben soll, die sich an Glutamat gewöhnt haben und den natürlichen Geschmack von Essen als unbefriedigend empfinden. Im Folgenden meine Gründe, warum ich Rapsöl meide wie die Pest.


Warum ich Rapsöl vermeide

  1. Rapsöl wurde im Zuge der Cholesterinlüge populär. Pflanzliche Öle mit hohem Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren (MUGFS) wurden lange Zeit einseitig als gesund propagiert, Butter, Kokosöl und tierische Fette als ungesund gebrandmarkt. Nachdem sich dieses Dogma nicht mehr halten ließ – zu viele Hinweise deuteten darauf hin, dass MUGFS problematisch sein können – sattelten die gottgleichen Herrscher des medzinisch-medialen-industriellen Nahrungsmittelkomplexes auf die einfach ungesättigten Fettäuren (EUGFS) um. Zusammen mit dem von der Masse der Verbraucher meist völlig undifferenziert aufgenommenen Omega-3-Hype wurde Rapsöl in kurzer Zeit zum Star der Küchenschmierstoffe.
    Ich betrachte auch dieses neue Dogma inzwischen nicht nur als wissenschaftlichen Plunder, sondern – hart ausgedrückt – als eine Fortführung des Verbrechens gegen die Menschheit insgesamt, dessen sich die Medizin und Ernährungswissenschaft in Tätergemeinschaft seit Beginn der Cholesterinlüge schuldig gemacht haben. Weiterführende Literatur finden Sie hier oder hier.
    Speziell an koronaren Herzkrankheiten Interessierten empfehle ich den Blog des schottischen Arztes Malcolm Kendrick, der in unregelmäßigen Abständen die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Ursachen von Herzkrankheiten vorstellt und diese durch seine verständliche Sprache auch Laien zugänglich macht.
  2. Rapsöl ist unnötig. Es gibt Butter, Butterschmalz, Kokosöl, Olivenöl, Kürbiskernöl, Walnussöl. Diese haben sich über Jahrtausende bewährt, schmecken besser und zerstören die Umwelt nicht in dem Maße wie das zum Verzehr freigegebene Ex-Motoröl.
  3. Industrielles Rapsöl ist nach Maßstäben der Menschheitsgeschichte eine neuartige „Designerdroge“, deren negativen Auswirkungen erst erforscht werden. In einer Studie an Mäusen wurde nachgewiesen, dass Rapsöl Alzheimer begünstigt. Siehe auch hier.
  4. In Indien, China und Japan sind Senföl und Rapsöl zwar seit der Antike in Verwendung. Die Menge und Anwendungsweise war von der heute praktizierten verschieden.
  5. Der Rapsanbau ist wie der von Mais mit Flächenverbrauch und Umweltzerstörung verbunden.
  6. Bei der industriellen Produktion von Rapsöl wird der Geruch (oder eher Gestank) des Rapses chemisch entfernt. Dem Verbraucher soll damit die Möglichkeit genommen werden, durch seinen Geruchssinn vor dem Verzehr dieses Gestank-Öls gewarnt zu werden.
  7. Industriell prozessiertes Rapsöl ist farblos. Damit es optisch als essbar daherkommt, wird es mit Betakarotin künstlich gefärbt.
  8. Raps- und Maisfelder sind mitverantwortlich für die Abnahme der Insektenvielfalt.

Es gibt weitere Gründe, die einem vom Genuss von Rapsöl abraten. Suchen Sie einfach mit den Begriffen „Canola health risk“. Leider ist im englischsprachigen Netz die Informationslage – wie bei Vielem – besser als im deutschsprachigen Netz.


Das „Albaöl“ aus dem „Frischeparadies“

Steht schon Rapsöl generell für mich auf der niedrigsten Wertestufe, schafft es das „Alba-Öl“ auf der Mybanto-Werteskala dennoch einen Tick tiefer: Wem stellt sich beim Blick auf das Etikett nicht sofort die Frage, wer ein Öl, kauft, dem zuvor wahrscheinlich Farbe und Geschmack industriell entfernt wurden, nur um es mit künstlichen Zusatzstoffen wieder anzureichern. Der Preis als Erklärung fällt aus: In der Annahme, dass die Marke von 7,99 € die Dreiviertelliter-Flasche nicht auf einem Fehler beim Ausdrucken des Preisschildes beruht, muss der Preisfestleger im Paradies wohl geglaubt haben, dass die Kundschaft seines Hauses für eine Ölbrühe mit künstlichem Buttergeschmack soviel ausgibt wie für Butter in gleicher Menge.

Vielleicht glaubt aber jemand im Paradies, dass der 2-Liter-Kanister zu 12,59 € als Schnäppchen rüberkommt. Aber wer stellt sich 2 Liter von diesem Zeug in den Küchenschrank?

Albaöl mit Emulgator und Farbstoff
Albaöl mit Emulgator und Farbstoff

Fazit

Ob die Kategorien „Frische“ und „Paradies“ mit Zeug wie „Albaöl“ in Einklang zu bringen sind, entscheidet letztlich die Käuferin. Mybanto jedenfalls hofft, dass sie dieser Schweden-Alba-Butter-Gesund-Omega-3-Masche eine Absage erteilt. Im Sinne der Volksgesundheit möge dem Paradies das Alba-Zeug unter dem Hintern wegrotten. Von Kindheit an ein großer Fan von Coop, war der Besuch des Supermarktes für mich bei Fahrten in die Schweiz immer einer der Höhepunkte. Ich hoffe, dass sich der Paradies nennende Ableger hier einen einmaligen Fehltritt geleistet hat.

 

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