Das Böse, Teil I: “Lecker”

Das Böse, Teil I: “Lecker”
Japanisches Vintage- Werbeschild für einen Insektenspray

Das Internet. Man sucht etwas…und findet Quatsch. Falsches oder Mehrwertfreies, Voll- oder Teilkopiertes, Irrelevant-subjektives, oft gekrönt von diesem geistlosen „Echt mega-lecker“-Stil. Ich kann zweifelsfrei sagen, dass die Monopol-Suchmaschine – ich rede von Google – immer weniger hochwertige, inhaltlich orientierte Seiten unter seinen Suchergebnissen auflistet, sondern zunehmend Oberflächlich-kommerziellem und Billig-Suchmaschinenoptimiertem die besten Plätze gibt. Ich bin inzwischen sowiez, dass ich oft aus Prinzip direkt auf  Seite 6 der Suchergebnisse klicke.

Falls Ihnen das auch aufgefallen ist und Sie sich wie ich darüber ärgern – wir sind sicher nicht allein, denn die Scheisse-ist-Trumpf-Strategie von Google betrifft alle Bereiche: Technik, Wetter, Politik, Reise. Und natürlich Essen: Wer wie ich oft auf der Suche nach Arbeitstechniken, Rezepten, Informationen über Zutaten und deren Herkunft oder Bezugsquellen im Internet unterwegs ist, braucht also immer mehr Zeit, Geduld und Toleranz. Qualitätsseiten gibt es viele, allein Google will sie mir nicht zeigen. Statt dessen diese ewig sinnlosen Spaßblogs.


Essen hat wenig mit “Spaß” zu tun

Gutes Essen hat viel mit harter Arbeit zu tun und wenig mit Spaß. Wenn uns etwas gelungen ist, stellt sich manchmal Glücksgefühl ein, Euphorie sogar, oder aber Enttäuschung. Manchmal geht alles schief, das andere Mal beschert einem der Zufall einen neuen Rezeptansatz von historischem Ausmaß, wie z.B. die Kakao-Biskuits auf S. 48  in meinem neuen Buch Weihnachtsplätzchen: Zum Essen schön*. Schon die Suche nach dem richtigen Augangsmaterial nimmt oft Ausmaße eines Projekts an. Da ist für Spaß kein Platz. Nennen wir es Freude, Begeisterung, Fanatismus – aber nicht Spaß.


Schlechte Foodblogs verstopfen das Internet. Wir können nichts dagegen tun, ausser sie zu ignorieren

Man landet leicht und schnell auf schlechten Foodblogs, einerseits weil es inzwischen eine kleine Industrie ist, dann weil es kaum ein Gebiet gibt, in dem sich so viele Unberufene zu Wort melden müssen.

Schlechte Foodblogs erkennt man daran: (Oft) schöne Fotos, (immer) oberflächliche Rezepte, Pseudo-Besprechungen „neuer“ Entdeckungen, oft schamlose Kopien von Wikipedia oder anderen Sites, – und natürlich diese ewig-geistbefreite Facebook-Stil-Rhetorik a la „habe heute erstmals ein total leckeres XY mit japanischem Bergpfeffer gegessen“. Interessiert keinen, mußte aber gesagt werden.

Überhaupt: Lecker.


Verbessern wir die Welt und entsorgen ein Unwort

In einem Fall, es ging um Sansho, habe ich gefragt, was die Bloggerin mit ihrem „echt lecker“-Gericht mit Sansho treibt. „Leckt“ sie am Essen herum wie eine Kuh am Salzstein oder züngelt sie es an wie ein Waran oder schleckt sie es ab wie ein kleines Kind, das keinen Hunger mehr hat? Nutzer von “lecker” outen sich unfreiwillig aber zuverlässig als Vollholzpfosten. Es ist Zeit, dieses abstoßende Adjektiv der deutschen Tafeln zu verweisen. Mein Bekannten- und Freundeskreis ist entsprechend angewiesen. Es gab seit geraumer Zeit kein Vorkommnis von „lecker“ mehr, wobei zu sagen ist, daß es zuvor nur eines gab, von einer Frau auch, die Deutsch als Fremdsprache spricht und deswegen eine Entschuldigung hat. Nach einer Verwarnung ist das Problem behoben. Tun Sie der Welt einen Gefallen – und mir es in diesem Sinne nach.


Das Böse, Beispiel 1: Der arme japanische Bergpfeffer

Wer etwas über Sansho wissen will (und weitere 116 Gewürze), besucht die Gewürzseiten von Gernot Katzer.  ich habe noch keine besser Seite über Gewürze gefunden und kann mir auch nicht vorstellen, daß es eine bessere gibt. Die Qualität und der Umfang der Information dort beeindruckt. Andererseits muß ich den Foodblog erst noch sehen, der die Gewürzseiten von Herrn Katzer zitiert. Foodblogs geben selten Links an zu Primärquellen (obwohl das Internet mit seiner Sprache HTML genau dazu erfunden wurde) – wohl weil dann offensichtlich würde, daß der Autor des Abklatsch-Artikel mit seiner Kopierware die Welt nicht bereichert, sondern nur Online-Müll erzeugt.

Auf einem Blog war über Sansho zu lesen, daß er aus den getrockneten Blättern des Bergpfeffers gemahlen sei, ein anderer, von einer Dame betrieben, thematisiert ihren völlig unwichtigen Erstkontakt mit Sansho, a) als ob die Welt auf nichts anderes gewartet hätte und b) viele Jahre nachdem ein völlig überschätzter Koch aus Bayern, der auch im Fernsehen sein Unwesen treibt, angefangen hat, sich in Kasperltracht als Gewürz-Verständiger zu gerieren.

Das Böse, Beispiel 2: Die „komplexe“ Yuzu

Auf fast allen Food-Seiten, die zu Yuzu ihren unwichtigen Senf dageben müssen (Wikipedia gehört übrigens auch zu diesen Senf-Seiten, wie hier zu lesen ist) ist zu erfahren, die Zitrusfrucht habe einen „komplexen“ Geschmack. Soso, komplex. Kaum Hinweise sonst, wie die, die sich damit auskennen, also die Japaner, Yuzu ganz spezifisch verwenden. Das wäre hilfreich, denn bevor man diese eigenartige und hier umständlich zu besorgende Frucht verunstaltet, indem man sie falsch einsetzt, erkundigt man sich doch nach dem wie und was. Weil die meisten Autoren das aber nicht wissen oder können, müssen sie mit Kompetenz-Jargon hantieren. „Komplex“ ist so ein Kompetenz vorgaukelnder Jargon. Das Attribut besagt nichts, weil es kaum Primärmaterial natürlichen Ursprungs gibt, da nicht „komplex“ ist. Und quält man sich noch so sehr bei der Suche nach einem nicht-komplexen Naturprodukt, man wird kaum eines finden. Deswegen: Sehen Sie jemand mit dem Adjektiv „komplex“ operieren, wissen Sie: wahrscheinlich Online-Müll.


Das Böse, Beispiel 3: Mitsuba als „japanische Petersilie“ bezeichnen

Man weiß nicht alles. Das ist kein Problem, man hat zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: 1. Sich schlau und kompetent machen und dann, wenn es sein muß (oder der Welt hilft), darüber schreiben. Oder aber, zweitens, das goldene Gesetz des Schweigens befolgen. Foodblogger tun sich insgesamt schwer mit Letzterem, auch wenn fehlender Enthusiasmus oder mangelndes Talent das nahelegt.

Bei der Recherche nach Mitsuba, das ich immer für eine Art Giersch gehalten habe, weil es unverkennbar Giersch-ähnlich schmeckt, stieß ich im deutschsprachigen Internet regelmäßig auf die Bezeichnung „japanische Petersilie“. Liebe Leut’: Mitsuba hat mit Petersilie nichts gemein, geschmacklich, botanisch und sonst wie. Eventuell besteht eine Ähnlichkeit in der Form zwischen jungem Mitsuba und Petersilie.  Man verwende doch bitte den japanischen Namen, wenn wir japanische Kräuter verwenden. Und ihr Foodblogger und Samen-Verkäufer da draussen, kopiert nicht immer den Unsinn der anderen ab.

Und ach übrigens: Wußten Sie schon, daß Mitsuba mega-lecker und super-komplex schmeckt?